Textatelier
BLOG vom: 23.01.2005

Fusion Food im Schlemmerparadies London

Autor: Emil Baschnonga

Ohne exotische/ethnische Kost müsste man in in England darben. Zugegeben, das englische Frühstück ist nahrhaft, wiewohl täglich eingenommen, lebensgefährlich: Porridge, gefolgt vom Spiegelei, Speckstreifen und baked beans (gebackene Bohnen in rostroter Sauce, frisch aus der Büchse), gefolgt von Toast, gesalzener Butter und Marmelade.

Im Boarding House (Pension), wo ich in London um 1963 zuerst lebte, besser gesagt vegetierte, gab es einmal in der Woche zum Frühstück den heute sagenhaft selten gewordenen Kipper (ein aufgewärmter geräucherter Fisch). Kam ich abends von der Arbeit zurück, stank der Kohl von der Küche im Untergeschoss bis zum 4. Stock. Kein Wunder, dass ich um die Ecke ins chinesische Restaurant floh, so oft es meine Finanzen erlaubten.

Inzwischen haben indische Restaurants die chinesischen überrundet. Es bestehen heute über 8000 davon in England. Curry, mit Bier heruntergespült, ist zur Nationalspeise geworden, gefolgt von Balti-Spezialitäten und Chicken Tikka. Hinzu kommt eine Unmenge von thailändischen Essstätten, unter vielen anderen aus allen Winkeln der Welt. Sogar afghanische, persische, libanesische und marokkanische Küchen gewinnen eine sich stetig erweiternde Gefolgschaft. England ist als einstige Kolonialmacht ethnischer Kost gegenüber sehr aufgeschlossen, zumal die englische Küche sehr eingeschränkt ist. In dieser exotischen Sparte kann man für rund £ 25 sehr gut essen, wenn man weiss wo.

Inzwischen hat die ethnische Welle alle Vororte durchdrungen und breitet sich landesweit wie ein Buschfeuer aus. So ein Glück!

Neue Essmoden kommen auf wie etwa Fusion Food, aus verschiedenen exotischen Ursprüngen kreiert. Sie werden dies verstehen, wenn ich auf die Chinesische Pizza hinweise. Shushi-Bars (nach japanischem Vorbild) schiessen wie Pilze aus dem Boden.

Beim besten Willen kann ich mich für die englische Küche nicht begeistern: Dünne Tranchen Fleisch, mit 2 Gemüsesorten in dunkler Bisto-Sauce ertränkt, mash and bangers (ein verwässerter Kartoffelstock und Würste mit zweifelhaftem Inhalt), mash and pie, mash … und so weiter, black pudding (eine Art Blutwurst), Shephards pie, Yorkshire pudding und unvermeidlich immer wieder fish and chips. Wirklich, darauf möchte ich, meinem Magen zuliebe, nicht näher eingehen.

Sehr viele Engländer leben vorwiegend von Snacks – rund um die Uhr. Sie essen unterwegs, im Zug, vor dem Fernseher. Das Take-Away triumphiert – mit Pizza an der Spitze. Sandwiches und Beefburgers dominieren, meistens von einem Beutel hochsalziger Chips gekrönt. Die Mahlzeit um den Familientisch ist sehr selten geworden. Fertiggerichte werden aufgewärmt, wobei wiederum ethnische Variationen vorherrschen, gefolgt von Pastagerichten.

Und dennoch bietet London eine raffinierte Vielfalt von leckeren Mahlzeiten zu unerschwinglichen Preisen, von preisgekrönten Meisterköchen wie etwa Gordon Ramsey zubereitet, oder besser gesagt, zelebriert. Diese auserlesenen Restaurants sind immer vollbesetzt, zum Beispiel: The Ivy“, „La Gavroche. Geld allein genügt längst nicht mehr, um sich einen Platz zu sichern. Man muss der Prominenz angehören und erst noch ein halbes Jahr im Voraus einen Tisch buchen.

Es erstaunt schlichtweg, wieviel Geld der Durchschnittsengländer für teure Kücheneinrichtungen ausgibt, die er allenfalls einmal im Jahr − um Weihnachten − benutzt. Jeder will halt den anderen übertrumpfen, was nur allzu menschlich ist.

Noch etwas: Fernsehprogramme, wo Köche unter enormem Zeitdruck Wundergerichte zubereiten, sind hochbeliebt. Die Sonntagszeitungen servieren ausserdem seitenlang Rezepte von tollen Gerichten, die langwieriger Zubereitung bedürfen. Die dazu gehörenden Zutaten sind oft schwer zu beschaffen. Mit grösster Akribie begutachten die Kritiker mit vollem Magen allwöchentlich eine Auswahl von Restaurants. Kriegen sie Beschwerden, kommt es zum Verriss.

 E Guete“, wünscht Ihnen

Emil Baschnonga

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